Stadtarchiv Ulm

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A.o. Steueramt

Laufzeit: (1285), 1377 1858
Umfang: 32,6 lfm mit 1158 Einheiten
Findmittel: Bandrepertorium (A Rep Bd. 9 + 10) und Datenbank
Signaturen: Der Bestand wurde bei der Rückführung nach kriegsbedingter Verlagerung, während der die Ordnung gestört wurde, provisorisch nach Numerus currens aufgenommen. Eine Auflistung der Springnummern erschien nicht sinnvoll; Hinweise auf die vorläufigen Signaturen einzelner Faszikel finden sich in der Inhaltsbeschreibung.

Kurzbeschreibung:

Das mit zwei patrizischen Ratsherren und einem Ratsherren aus der Kaufleutezunft besetzte Steueramt war für sämtliche Einnahmen und Ausgaben der Reichsstadt zuständig, während die Finanzverwaltung des Territoriums in die Kompetenz des Herrschaftspflegamts fiel1. Da neben der Erhebung von Steuern und Einnahmen aus Hoheits- und Grundrechten die für die obrigkeitliche Überwachung des Wirtschaftslebens erhobenen Gebühren einen wichtigen Aktivposten des Haushalts bildeten, waren dem Steueramt u.a. auch die Aufsicht über Märkte, Handel und Verkehr und die Festlegung von Taxen für Lebensmittel und handwerkliche Dienstleistungen übertragen. Möglicherweise wegen der Auswirkungen auf die Steuertermine finden sich in diesem Bestand auch Unterlagen zur Gregorianischen Kalenderreform.

Grundlage der Steuererhebung bildete vor allem das Vermögen, wobei für Haus- und Grundbesitz niedrigere Sätze als für Barkapital galten2. Unterschiedlich veranlagt wurden auch in Ulm ansässige Einwohner und außerhalb der Stadt lebende Bürger und Beiwohner. Personen ohne Vermögen mussten, sofern sie einen eigenen Hausstand unterhielten, eine Kopfsteuer bezahlen. Die Festsetzung der Vermögenswerte an liegenden Gütern und Kapitalien beruhte auf Selbsteinschätzung, die beeidigt werden musste ("geschworene Steuer"). Jährlicher Steuertermin war zunächst der Katharinentag (25. November), aber in Krisenzeiten mussten außer der "Katharinensteuer" jeweils durch "Vorhalte" bekanntgegebene "extraordinari Steuern" erhoben werden. Im 18. Jahrhundert wurden regelmäßig zusätzlich zur Katharinensteuer die März-, Johannis (24. Juni)- und Septembersteuer verlangt; letztere wurde als Folge von Bürgerunruhen 1784 abgeschafft. Rückständige Steuerzahler wurden in den Steuerbüchern als "Restanten" mit dem ausstehenden Betrag verzeichnet. Als Sondersteuern eingeführt wurden u.a. 1633 und erneut ab 1708 das "Zweipfenniggeld" (= 2 Pfennig pro Gulden) von allen Einnahmen der Bürger und Beiwohner, 1733 die Vicesimationssteuer auf die Einkünfte der städtischen Bediensteten und 1796 eine Vermögenskontribution zur Deckung der von französischen Truppen geforderten Abgaben.

Die an den Kaiser abzuführende "Reichs- oder Städtesteuer" wurde 1417 von König Sigismund an Konrad von Weinsberg verpfändet, der diese 1430 zusammen mit der ebenfalls an ihn verpfändeten Reichssteuer von Schwäbisch Hall mit kaiserlicher Genehmigung an 33 Reichsstädte, darunter Ulm, verkaufte3. Die jährlich von Ulm (750 Pfund Heller) und Schwäbisch Hall (600 Pfund Heller) aufzubringende Reichssteuer wurde danach durch das Ulmer Steueramt an die an dem Kauf beteiligten Reichsstädte nach der Höhe ihrer Einlage verteilt. Während des Dreißigjährigen Krieges konnte Ulm die Anteile einzelner Reichsstädte ablösen und war danach von der Reichssteuer befreit, nahm jedoch weiterhin die Umlage der Haller Reichssteuer auf die verbliebenen Reichsstädte vor. Als Abgabe an das Reich musste Ulm, das dem Kaiser 1347 das Recht auf die Besetzung des Ammanamtes abgekauft hatte, dem Reichsvogt jährlich eine Anerkennungsgebühr bezahlen. Diese Ammansteuer wurde 1417 von König Sigismund den Grafen von Oettingen geschenkt, denen Ulm bis zur Ablösung 1848 diese Steuer anwies.

Die hohe Verschuldung der Stadt nach der Besetzung im Spanischen Erbfolgekrieg führte 1706 zur Einrichtung einer Rechnungsrevision, der alle Einnahmen und Ausgaben vorzulegen waren. Parallel dazu wurde eine Sublevationsdeputation als beratendes Gremium zur Verbesserung des Ökonomiewesens berufen. Die Teuerung und dadurch ausgelöste Neuverschuldung nach den Missernten von 1770/71 führte 1771 zu einer Neuorganisation der Sublevationsdeputation und 1773 zur Zusammenlegung beider Kollegien in der Sublevations- und Rechnungsrevisions-Deputation, die sich unter Einschaltung einer kaiserlichen Kommission (1773 1775) vor allem um die Schuldentilgung bemühte und durch ihre Gutachten wachsenden Einfluss auf wirtschaftspolitische Entscheidungen des Rats gewann4. Die zur Schuldentilgung vorgesehene Veräußerung städtischen Vermögens und der Erlass einer neuen Steuerordnung löste 1778 einen Protest der Bürgerschaft beim Reichshofrat aus5.

Der Förderung des Wirtschaftslebens als Grundlage für die Staatsfinanzen sollte nach einem bereits 1705 unternommenen ersten Anlauf die 1748 auf Betreiben des Handelsstandes unter Vorsitz eines der Steuerherren eingerichtete und sowohl mit Ratsherren als auch mit Kaufleuten außerhalb des Rats besetzte Merkantildeputation dienen. Während sich deren Augenmerk vor allem auf die innerstädtische Leinenproduktion richtete, widmete sich die gleichzeitig berufene und weithin personengleiche Commerciendeputation handelspolitischen Fragen wie der Verbesserung der Verkehrswege und dem freien Warenverkehr6.

1: siehe Rothe, Kurt, Das Finanzwesen der Reichsstadt Ulm im 18. Jahrhundert (Forschungen zur Geschichte der Stadt Ulm, Bd. 21), Ulm 1991.
2: StA Ulm, A [1147]; siehe dazu Adolf Kölle, Die Vermögenssteuer der Reichsstadt Ulm vom Jahre 1709, ihr Ursprung und ihre Weiterentwicklung bis zum Ende der Reichsstadt im Jahre 1802, Stuttgart 1898; Rothe, Finanzwesen, S. 104 ff.
3: Dazu und zum folgenden: StA Ulm, A [610].
4: siehe Neusser, Gerold, Das Territorium der Reichsstadt Ulm im 18. Jahrhundert. Verwaltungsgeschichtliche Forschungen (Forschungen zur Geschichte der Stadt Ulm, Bd. 4), Ulm 1964, S. 65 f.
5: siehe Gänßlen, Gerhard, Die Ratsadvokaten und Ratskonsulenten der Reichsstadt Ulm, insbesondere ihr Wirken in den Bürgerprozessen am Ende des 18. Jahrhunderts (Forschungen zur Geschichte der Stadt Ulm, Bd. 6), Ulm 1966, bes. S. 120 127.
6: siehe Rothe, Kurt, Finanzwesen, S. 412-417.

A.o.1. Ordnungen, Organisation und Verwaltung des Steueramts
A.o.2. Steuerordnungen, Steuerausschreibung, Steuererhebung
A.o.3. Steuerbücher
A.o.4. Reichs- und Kreissteuern, Ammansteuer
A.o.5. Stadtrechnungen und Geldvorrat
A.o.6. Rechnungsrezion1
A.o.7. Darlehen der Stadt
A.o.8. Verbesserung des Ökonomie- und Haushaltswesens, Schulden und Schuldentilgung, Vermögensaufstellung und Schuldendeckung nach der Mediatisierung
A.o.9. Sublevationsdeputation
A.o.10. Kalenderreform
A.o.11. Stadtmarkung, Straßen- und Häuserbeschreibung
A.o.12. Grundbesitz auf der Stadtmarkung und dessen Nutzung
A.o.13. Lehen (u.a. Verleihungen, Beschreibungen, Abgaben, Korrespondenzen, Streitigkeiten)
A.o.14. Lotterien
A.o.15. Zölle
A.o.16. Umgelder, Akzisen und Verwaltungsgebühren
A.o.17. Maße und Gewichte1
A.o.18. Münz- und Währungswesen1
A.o.19. Greth (Zentrales Waag- und Lagerhaus)1
A.o.20. Märkte und Handel1
A.o.21. Merkantildeputation und Kommerziendeputation
A.o.22. Textilhandel1
A.o.23. Getreidehandel und Vorratshaltung
A.o.24. Handel mit Wein und Viktualien1
A.o.25. Salzhandel1
A.o.26. Eisenhandel und Holzmarkt
A.o.27. Pferde-, Viehmarkt und Heuwaage
A.o.28. Kleinhandel: Ordnungen für Käuflerinnen1,Trödelhandel mit Geschäftsbeschwerden und Maßnahmen gegen den Hausiererhandel 1706 - 1810 (A [2889] - A [2893])
A.o.29. Handelsgesellschaften
A.o.30. Handel mit dem Ausland1
A.o.31. Geleitswesen1
A.o.32. Verkehr
A.o.33. Handwerker- Gewerbe - und Lebensmitteltaxen
A.o.34. Konzessionen und Gewerbebetriebe